“Karussell für Treibhausgase”
“So finster ist die Lage gar nicht. Theoretisch. Für Klaus Lackner jedenfalls ist die menschgemachte Erwärmung des Planeten ein kontrollierbares Problem, vielleicht sogar ein lösbares – selbst dann, wenn die Menschheit es nicht mehr rechtzeitig schaffen sollte, ihren Ausstoß an Treibhausgasen dramatisch zu senken. Lackner, 57, ist gebürtiger Heidelberger, Geophysiker und Direktor am renommierten Earth Institute der Columbia University in New York. Er hat eine Lösung für das Klimaproblem erdacht, die zunächst abenteuerlich klingt: Millionen CO2-Fänger möchte der Wissenschaftler bauen, containergroße Maschinen mit chemischen Filtern, die das Treibhausgas aus der Luft ziehen wie Bäume – klobiger zwar und nicht so hübsch, aber dafür tausendmal effizienter als jeder Baum.
Verglichen mit Windrädern, behauptet der Forscher, würden seine CO2-Fänger auf derselben Fläche ein Vielhundertfaches an Kohlendioxidemissionen kompensieren. Man könnte sie an jedem beliebigen Ort der Welt aufstellen. Dort würden sie sogar Emissionen aus der Luft filtern, die Autos oder Kraftwerke vor vielen Jahren in die Atmosphäre gepustet haben. Das kann keine andere Technik.
Kohlendioxid trägt durch seine Menge mehr als jedes andere Treibhausgas zum Klimawandel bei, doch seine Konzentration in der Luft beträgt weniger als 0,04 %. Ist es möglich, eine Maschine zu bauen, die diese wenigen schädlichen Gasmoleküle einfängt? Wie viel Energie wäre dazu nötig? Und wenn es funktionierte, wäre es dann nicht viel zu teuer?
Lackner lässt sich durch skeptische Fragen nicht aus der Ruhe bringen. Der Professor, hochgewachsen, schlank, elegant gekleidet, sitzt vor einer mit Formeln vollgekritzelten Wandtafel in seinem Büro im 10. Stock eines Universitätsgebäudes an der 120. Straße, lehnt sich entspannt zurück und doziert. Er hat alles berechnet, Energiebedarf, Wirkungsgrad, Kosten – und weil die Ergebnisse so positiv waren, dass er es selbst kaum glauben konnte, hat er sie so oft überprüft, dass er nun alle Zahlen auswendig kann. ‘Am Anfang interessierte mich, wie man CO2 am Schornstein von Kohlekraftwerken einfängt’, erzählt er. ‘Aber eines Tages merkte ich, dass es gar nicht viel mehr Energie kostet, CO2 aus der Luft abzutrennen.’ Der Energieaufwand, erklärt er, steige nämlich mit sinkender CO2-Konzentration nicht linear, sondern logarithmisch. Und das heißt: verblüffend gering.
Die Kunst, so Lackner, bestehe darin, ein Material zu finden, das CO2 binde, aber später ohne exzessiven Energieaufwand wieder freigebe. Sein Team setzt auf ein spezielles Kunstharz mit einer geradezu magischen Eigenschaft: ‘Es zieht CO2 stark an, wenn es trocken ist, und gibt es leicht wieder ab, wenn es nass wird.’ Und so könnte der CO2-Fänger aussehen: große, regengeschützte Kunstharzoberflächen, die sich in einer Art Karussell im Wind drehen, bis sie mit CO2 befüllt sind. Dann werden sie in Containern in ein Vakuum gepackt und mit Wasser besprüht. Das freiwerdende CO2 wird abgepumpt und komprimiert. Ohne Strom, räumt Lackner ein, geht das natürlich nicht. ‘Doch bei der Erzeugung entsteht nur etwa ein Fünftel der CO2-Menge, die vom Gerät eingesammelt wird.’ Das Kohlendioxid könnte am Ende in tiefe Gesteinsschichten eingelagert werden. Die Kosten seines Verfahrens schätzt Lackner auf anfangs etwa 300 US-$/t Kohlendioxid. Langfristig hält er 30 US-$/t für realistisch.
Zehn Millionen CO2-Fänger bedürfe es, um 10 bis 15 % der jährlichen Emissionen auszugleichen, schätzt Lackner – und zaubert gleich noch eine Zahl hervor: ‘Der Benzinpreis in Europa würde um ganze 6 Ct. steigen, wenn die Ölfirmen ihre Emissionen auf diese Weise kompensieren müssten.’ Derzeit gibt es allerdings erst einen unfertigen Prototyp. Und zunehmende Konkurrenz: Forscher in den USA, Kanada und der Schweiz arbeiten mittlerweile an ähnlichen Geräten.
Der Weltklimarat IPCC hat die Technik bislang weitgehend ignoriert. Manche Fachkollegen sind skeptisch: ‘Ich bezweifle, dass man das mit vernünftigem Energieaufwand machen kann’, sagt Jochen Oexmann, der sich an der Technischen Universität Hamburg-Harburg mit CO2-Abtrennung bei Kraftwerken befasst. ‘Selbst beim Kraftwerk muss man ja viel Energie aufwenden.’ Doch in jüngster Zeit mehren sich positive Stimmen in der Forschergemeinde. ‘Wir brauchen so eine Technik, um Zeit zu gewinnen’, sagt der Nobelpreisträger Paul Crutzen vom Mainzer Max-Planck-Institut für Chemie. Vor drei Jahren verstörte er seine Kollegen mit dem Vorschlag, die Stratosphäre mit Schwefelbomben abzukühlen. ‘Das habe ich aus Verzweiflung geschrieben’, sagt er heute. ‘CO2 aus der Atmosphäre herauszufiltern wäre natürlich viel besser.’ ‘Eine sehr interessante Technik’, findet auch Elmar Kriegler vom Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung. ‘Wir werden sie künftig in einigen unserer Klimaprognosen berücksichtigen.
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Am weitesten aber geht Lackners Columbia-Kollege Wallace Broecker, 78, der schon seit den siebziger Jahren vor den Folgen des Klimawandels warnt: ‘Klaus Lackner ist der klügste Kopf, dem ich in 57 Jahren Forschung begegnet bin.
“Samiha Shafy in: Der Spiegel, Hamburg, vom 11.01.2010